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Buchclub: Der Fremde

Buchclub: Der Fremde

Bei unserem letzten Buchclub war sich die Redaktion einig: „Schlachthof 5“ von Kurt Vonnegut konnte nicht überzeugen – zu verwirrend schienen die unzähligen Szenenwechsel, zu verschroben die Denkweise des Hauptcharakters. Auch in Albert Camus‘ „Der Fremde“ ist der Protagonist alles andere als emphatisch. Wie unsere Redaktion wohl dieses Mal reagiert?

Zum Inhalt
Der Roman erzählt die Geschichte des in sich gekehrten Meursault. Seine Mutter ist vor Kurzem verstorben, doch er scheint unfähig Gefühle zu empfinden. Als er auf einen Araber schießt, wird ihm der Prozess gemacht. Aufgrund seines schwierigen, emotionslosen Charakters wird er zur Todesstrafe verurteilt, obwohl die Situation als Notwehr hätte ausgelegt werden können.


Christina fühlt mit
Camus schaffte es, dass ich Einfühlungsvermögen entwickelte, für einen Menschen dem es daran extrem mangelt – einem Menschen, der nicht versteht wie die Welt funktioniert und wie Menschen sich von Gefühlen leiten lassen können. Das überraschte mich und ließ mich das Buch in kürzester Zeit verschlingen.

Hin und wieder hatte ich Lust, jeden zu unterbrechen und zu sagen: „ Wer ist denn eigentlich der Angeklagte? Es ist doch wichtig, der Angeklagte zu sein. Und ich habe etwas zu sagen!“ Aber bei genauerer Überlegung hatte ich nichts zu sagen.

Svea entdeckt die Vorzüge der Gleichgültigkeit
Meursaults Betragen hinterließ mich ratlos – aber alles andere als gleichgültig und das ist es, was ich Camus und seinem Werk hoch anrechne: Indem sein Protagonist der Gleichgültigkeit frönt, habe ich ständig Position bezogen. Ich habe reflektiert und versucht, dem Protagonisten mit Empathie beizukommen, die er selbst nicht kennt. Anders als bei den meisten Büchern konnte ich nur Weniges einfach so hinnehmen, es abnicken, ohne weiter darüber nachzudenken. Stattdessen habe ich ständig gegrübelt und war mit allerhand Emotionen dabei. Das nenne ich aktives Lesen!

Sarah ist nicht berührt
Obwohl mich Meursault selbst nicht berührt oder interessiert hat, konnte ich die sengende Hitze von Algier spüren, die gleißende Helligkeit, die in den Augen wehtat und diese grauenhafte Langeweile. Vielleicht ist es das Absurde der ganzen Geschichte, das einen nicht loslässt. Nach „Der Fremde“ überfiel mich jedoch noch Wochen später manchmal die Angst, eines Morgens aufzuwachen und das Leben ebenso schal und unbeteiligt zu empfinden wie ein zum Tode Verurteilter.

Das Brennen der Sonne stieg mir in die Wangen, und ich habe gespürt, dass sich Schweißtropfen in meinen Augenbrauen sammelten. Es war dieselbe Sonne wie an dem Tag, als ich Mama beerdigt habe, und wie neulich tat mir vor allem die Stirn weh, und alle ihre Adern pochten auf einmal unter der Haut.

Fazit
Camus_der_fremde
„Der Fremde“ hat unsere Redaktion nachhaltig beeindruckt. Die emotionale Distanziertheit des Hauptcharakters Meursault hat nachdenklich gestimmt, Fragen aufgeworfen und Gefühle geweckt, die der Protagonist selbst nicht zu empfinden vermag. Der Stil Camus’ – insbesondere die Erzählperspektive – hat dazu beigetragen, dass wir dieses Werk nicht einfach unreflektiert konsumieren konnten, sondern es uns auch noch einige Zeit nach dem Lesen nicht recht loslassen wollte. Handelte Meursault aus Notwehr? War das Urteil gegen ihn gerecht oder ungerecht? Diese Frage wird wohl nie eine befriedigende Antwort finden – und genau das macht den Reiz des Romans aus. Wir vergeben daher 4 von 5 möglichen Sternen. Nun interessiert uns eure Meinung: Wie fandet ihr das Werk?

★★★★☆

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