Oh nein! Nicht die Keksdose! - Interview mit Susanne Gerdom

Die freiberufliche Phantastik-Autorin Susanne Gerdom, die auch unter den Pseudonymen Frances G. Hill und Julian Frost schreibt, hatte das Glück überwiegend nette Fragen zu ziehen. Ihre Begeisterung war so groß, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte in die Keksdose zu greifen.

Ihre Antworten vermitteln das Bild einer hart arbeitenden Beatle-verrückten Geschichtenerfinderin, die glaubt, dass Elvis noch lebt und damit mit beiden Beinen im Leben, aber nicht unbedingt in unserer Realität steht.

 

Bist du beim Schreiben leicht abzulenken?
Kommt darauf an. Ich brauche immer eine gewisse Zeit, bis ich wieder drin bin (obwohl ich jeden Tag schreibe). Der Anlauf ist immer schwer, und in dieser Phase bin ich extrem leicht davon zu überzeugen, dass es viele andere schöne Dinge gibt, die ich tun könnte. Oder noch erledigen müsste. Und die Katze möchte spielen. Hier könnte auch mal wieder staubgewischt werden. Hab ich schon nachgesehen, ob mir jemand eine Mail geschickt hat? Was auf Facebook so los ist? Wollte ich nicht noch ein Buch bestellen? Ach, wie interessant, was man auf Wikipedia so alles findet. Stimmt, Nachrichten habe ich auch noch nicht gelesen …
Das hat sich ab der zweiten oder dritten getippten Manuskriptseite aber erledigt, dann bin ich von nichts und niemand mehr aus der Kurve zu bringen, und sollte neben mir der Schrank in Flammen aufgehen, müsste mich die Feuerwehr von der Tastatur losschneiden.
 
Welchen (anderen) Künstler würdest du gern einmal flachlegen?
Aber nur im übertragenen Sinne, oder? Ich riskiere doch hier keinen Ärger …
Ohne Witze, mir fällt niemand ein. Eventuell, mit einem gezielten Tritt in die Kniekehlen, wenn nicht sogar ein Stückchen weiter oben, den Kerl, der „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ verbrochen hat. Das dudeln die immer nebenan im Bürgerhaus, wenn jemand feiert. Würg.
 
Was ist schwerer zu finden – der Anfang einer Geschichte oder das Ende?
Die Mitte. Anfänge sind supereasy, die schreibe ich am liebsten. Und Schlüsse ergeben sich aus allem anderen. Aber die Mitte ist die Hölle.
 
Wer ist dein schlimmster Feind?
Mein innerer Schweinehund. Siehe nächste Frage.

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Treibst du regelmäßig Sport?
Ich habe seit Jahren Verträge mit je nach Wohnort wechselnden Fitnessstudios. Und theoretisch laufe ich gerne. Aber so regelmäßig, wie ich das eigentlich müsste, krieg ich es nicht hin. Eher anfallsweise, dann aber mit Begeisterung.
 
Gibt es Momente in denen du an dir und deiner Arbeit zweifelst?
Gibt es Momente, in denen ich das nicht tue? Ja. Sicher. Ich lese ein Manuskript und finde es misslungen. Lasse mich dann von meiner Umgebung halbwegs beruhigen, bin aber misstrauisch gegenüber Lob – bis es vom Lektorat kommt. Die haben dafür bezahlt, die werden schon wissen, ob man das so drucken kann.
Dann lese ich den Umbruch und frage mich, ob ich das ernsthaft so rausgeben möchte (ist natürlich zu dem Zeitpunkt zu spät, um sich das zu fragen.) Dann warte ich auf die ersten LeserInnenrückmeldungen und bin glücklich wie ein Osterhase, wenn die freundlich ausfallen. Aber jedesmal, wenn ich ein Buch von mir aufschlage, fallen mir als erstes die Schwachstellen auf. Und das ist gut, denn so kann ich daran arbeiten. Aber ich bin einfach noch nicht wirklich gut. Ich arbeite nur dran. Wahrscheinlich bis ich tot umfalle.
 
Schreibst du Glückwunschkarten oder E-Mails (oder SMS)?
Öh. Mein Standardtext lautet: Sorry, dass ich schon wieder vergessen habe …
Ich liebe Facebook. Da wird man an Geburtstage erinnert und muss nicht zur Post rennen. Ich bin schrecklich, was das angeht. Aber dafür bestehe ich auch nicht darauf, dass andere mir Karten schicken. (Wobei ich mich natürlich freue, wenn sie es doch tun – aber immer mit einem leise schlechten Gewissen.)
Was mich daran erinnert, dass ich in diesem Jahr mal Weihnachtsemails verschicken wollte …
 
Hast du einen Lebensplan?
Ich bin 53. Ich möchte, wenn es geht, nicht in den nächsten zehn Jahren sterben. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, auch nicht in den nächsten 30. 
 
Was ist dein Lieblingsessen?
Alles, was meine Freundin kocht. Sie ist sternemäßig gut darin. Vegan. Keine toten Tiere bitte.
 
Wo schreibst du am liebsten?
Ganz langweilig, an meinem Schreibtisch. Nichts Besonderes. Als ich noch in der Großstadt – na gut, in Düsseldorf ;-) – gewohnt habe, hab ich auch mal bei Starbucks gesessen und geschrieben. Aber ganz ehrlich: Es geht nichts über meinen Schreibtisch. (Ikea. Nichts Besonderes.)
 
Beatles oder Stones?
Beatles. Beatles. Beatles. (Wer waren noch mal die Stones?)
Und zu der anderen Frage: Pelikan.
 
Wo wärst du jetzt am liebsten und warum?
Hm. Wenn es mal wieder durchregnet, wäre ich gerne irgendwo, wo es sonnig und warm ist. Aber nicht zu sonnig und nicht zu warm. Aber eigentlich ist es hier sehr schön. Ich habe einen Balkon vor dem Fenster, der auf unseren Garten hinausblickt. Im Sommer ist das schon fast wie Urlaub, wenn ich einfach rausgehen und dort eine Tasse Kaffee trinken kann. Und auf meiner Lieblingsinsel, Texel, ist es mir im Winter einfach zu stürmisch. Also: Hier. An meinem Schreibtisch.
 
Wie nah sind deine Geschichten an der Wirklichkeit?
Ich schreibe Fantasy.
Aber zugegeben: meine Figuren sind recht normal. Ich mag keine Geschichten, in denen superbegabte Helden andauernd irgendwas Heroisches vollbringen. Meine Protagonisten sind Menschen, mit denen ich mich auch mal zum Kaffee treffen würde.
 
85Was liest du gerade?
Ich habe gerade Pratchetts „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“ beendet und leide jetzt unter Entzugserscheinungen. Wie immer, wenn ich Pratchett gelesen habe. Das heißt, ich mäandere unentschlossen zwischen „Wie Romane entstehen“ von Ortheil, „Mystic River“ von Lehane und „Ohne. Ende. Leben.“ von Libba Bray herum – nur damit ich nicht „Klonk“, „Weiberregiment“ oder die „Nachtwache“ aus dem Regal hole und zum dritten Mal lese …
 
Meer oder Berge?
Meer. Ohne zu zögern.
 
Was machst du am liebsten Freitagabends?
Nicht viel anderes, als ich Donnerstags oder Sonntags mache. In der Regel sitze ich am Computer und schreibe.
 
Welches Detail eines deiner Bücher musstest du selbst ausprobieren, ehe es in den Roman durfte?
Gelegentlich exerziere ich eine Bewegung durch, um zu sehen, ob meine innere Kamera stimmt. (Tut sie aber in der Regel.)
 
Wo siehst du dich in 10 Jahren?
Hm. Wenn alles mitspielt, auf einem Stapel von dreißig bis fünfundreißig weiteren Romanen. Mit Zweitwohnsitz in Antwerpen. Wäre schön.
 
Mit welchem Autor würdest Du gerne mal Kaffee trinken?
Terry Pratchett. So lange das noch geht. Seufz.
 
Zentaur, Einhorn oder Pegasus?
Piggasus. Steht bei mir auf dem Bücherregal und hilft mir beim Schreiben. (Zentauren hab ich im „Lachen“ und im „Elfensturm“ in Nebenrollen. Ziemlich gefährliche Pegasoi kämpfen in „Projekt Armageddon“ mit. Und Einhörner … Einhörner … für die war ich bisher nicht zuständig.)
 
Welchen Tipp würdest du deinen jungen Kollegen geben?
Lern was Anständiges.
Nein, Quatsch. Man kann immer schreiben, auch wenn man seine Brötchen anderweitig verdient. Das ist sogar ganz gut, weil man dann nicht gezwungen ist, sich nach dem Markt zu richten, sondern schreiben kann, was man will. Vielleicht das: Schiel nicht zu früh auf eine Veröffentlichung. Probier dich aus. Schärfe deine Fähigkeiten. Poliere dein Werkzeug. Denk nicht über Publikumserwartungen nach, sondern schreib das, was dich beißt, auch wenn du es vielleicht nie gedruckt sehen wirst.
Ich habe Schreibanfänger erlebt, die noch keine halbe Seite ihres Romans (es müssen ja immer Romane sein) zu Papier gebracht haben, aber sich schon den Kopf darüber zerbrechen, wie das Cover aussieht und welcher Verlag das kauft.
Lieblingsverschwörungstheorie?
Elvis lebt.
 
Wenn du für einen Tag ein Mann sein könntest, was würdest du alles tun?
Das Denken einstellen. *veg*
 
Welches Buch möchtest du unter keinen Umständen geschenkt bekommen? Warum?
Dackelzüchten leicht gemacht.
Die meisten Bücher mit pink-grünem Cover.
Biss ins Abendbrot – oder wie heißt das noch mal?
Warum? Ich habe in meinem Leben so ziemlich alles gelesen, was mir gedruckt unter die Finger geraten ist. Jetzt werde ich ein bisschen wählerischer, weil mir langsam die Zeit ausgeht. Ich lese wirklich nur noch das, was mich interessiert. Und da fällt halt eine Menge per Thema von der Tischkante.
 
Schreibst du lieber für Jugendliche oder ältere Fantasy-Liehaber?
Absolut gleichwertig. Ich behandele meine Jugendbücher kaum anders als die erwachsenen Themen. Muss mich gelegentlich daran erinnern, für wen das, was ich gerade schreibe, bestimmt ist – aber da ich ohnehin nicht zur Beschreibung expliziter Sex- und Gewaltszenen neige, ist der Punkt beinahe irrelevant.
Allerdings hat mir mein Abstecher ins Jugendbuch, der inzwischen zum festen Weg geworden ist, eine breitere Palette von Themen ins Bewusstsein gebracht. Ich habe dabei festgestellt, dass ich eigentlich keine klassische Fantasy mag und die auch nicht schreiben muss …
 

 

 

Hier geht's zum Blog von Susanne Gerdom.

und hier zu einem ihrer Fantasy-Bücher „Elidar: Magierin der Drachen“ 

 

vegan! sehr sympathisch ;)

vegan! sehr sympathisch ;)

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