Büchermensch Tom Gauld
Der britische Grafiker und Karikaturist Tom Gauld ist ein verborgenes Talent, das jetzt immer mehr in den Vordergrund rückt. Man kennt ihn in Großbritannien durch seine witzig-geistreichen wöchentlichen Comics für die Guardian-Zeitung, deren Onlineversion die zweitbeliebteste elektronische Zeitung im Lande ist. In diesem Interview verrät er uns etwas über seine Wurzeln, seine vielfältigen Projekte und gibt uns eine kleine Vorschau auf sein bisher längstes Werk, den in Kürze erscheinenden Comic-Roman Goliath.
Uns ist aufgefallen, dass viele Ihrer Comics literarische Themen aufweisen – gibt es einen bestimmten Grund dafür? Ist die Literatur z.B. einer ihrer Interessenbereiche oder bestimmen Aufträge hauptsächlich Ihre Arbeit?
Meine wöchentlichen Comics für den Guardian erscheinen auf der Leserbriefe-Seite des Feuilletons und müssen sich daher zumindest vage auf den Inhalt eines dieser Leserbriefe beziehen. In den Briefen geht es meistens um Bücher und ich habe schon fast dreihundert solcher Comics kreiert. Aber generell interessiere ich mich auch für Bücher, Geschichten und Schriftsteller, deswegen taucht die Literatur auch in meiner restlichen Arbeit auf.
Woher holen Sie sich Ihre Inspiration? Werden Sie auch beim Lesen inspiriert?
Auf jeden Fall, denn ich lese viel. Aber vieles anderes inspiriert mich auch: Comics, das Fernsehen, Filme, das Radio, Kunst, Zeitungen, das Internet... Ich suche nicht direkt nach Inspiration, ich nehme ständig Kunst und Informationen auf und hoffe dann, wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze und anfange, zu zeichnen, dass etwas interessantes dabei herauskommt.
Was sind Ihre Lieblingsbücher?
Wenn ich mich auf eins beschränken müsste, wäre es wahrscheinlich The Inheritors (dt. Die Erben, Anm. d. Übers.) von William Golding, ein fantastischer Roman, den ich immer und immer wieder lesen könnte. Auch Kurt Vonnegut, Joseph Heller, Hilary Mantel, Magnus Mills, Raymond Carver sagen mir zu; die Liste geht noch weiter.
Erzählen Sie uns kurz etwas über Ihr Leben.
Ich habe am Edinburgh College of Art Illustration studiert und danach am Royal College of Art in London einen Master of Arts in Illustration und Design gemacht. Als ich am College anfing, dachte ich, ich würde immer nur die Worte anderer illustrieren, aber im Laufe der Zeit erzählte ich immer häufiger meine eigenen Geschichten mit Worten und Bildern. Seit dem College arbeite ich als freier Grafiker und Karikaturist und habe auch mit meiner guten Freundin Simone Lia Cabanon Press gegründet, einen kleinen self-publishing-Verlag. Wir haben verschiedene Bücher, Drucke usw. veröffentlicht, aber momentan legen wir eine Pause ein, da wir beide zu viele andere Projekte haben.
Wann haben Sie sich entschieden, Grafiker zu werden? Hatten Sie schon immer eine Affinität zum Zeichnen?
Ja, ich habe schon immer gerne gezeichnet. Zu Schulzeiten habe ich immer so viel in den Heftrand gemalt, dass mir mein Lehrer ein Extraheft nur für meine Zeichnungen gegeben hat. Das war dann mein erstes Skizzenbuch. Als Jugendlicher entschied ich mich, mir einen Beruf zu suchen, in dem ich den ganzen Tag zeichnen könnte. Als ich dann an der Kunsthochschule war, dachte ich mir, dass der Beruf eines Grafikers und Karikaturisten dafür am besten geeignet sei.
Gibt es jemanden, der Sie in Ihrem Schaffen stark beeinflusst hat?
Der amerikanische Grafiker und Künstler Edward Gorey hat mich sehr beeinflusst. Ich liebe seine Art zu zeichnen und die aufwendige Kreuzschraffierung in meinen Zeichnungen ist eindeutig an seine Arbeit angelehnt. Seine schönen Bilderbücher für Erwachsene, die nicht ganz Comics sind, haben mich inspiriert. Auch die Comics von Chris Ware und Dan Clowes gefallen mir gut.
An welchen ihrer Projekte arbeiten Sie am liebsten?
Mir macht es wirklich Spaß, die wöchentlichen Cartoons für den Guardian zu erstellen. Die Richtlinien machen den Auftrag zu einem Puzzle, das ich lösen muss: Mir wird ein Thema gegeben und ich muss innerhalb eines Tages etwas interessantes daraus machen. Außerdem hatte ich sehr viel Spaß an der Herausforderung, die Goliath dargestellt hat – mein mit Abstand längstes Projekt.
Was können wir von „Goliath“
, Ihrem ersten Comic-Roman, der im März erscheinen soll, erwarten?
Es handelt sich um die Geschichte von David und Goliath, aber aus der Sicht des Riesen. Die Handlung folgt der biblischen Version, aber dennoch erscheinen die Dinge anders durch den unterschiedlichen Blickwinkel. Sobald man sich vor Augen führt, dass der Riese Goliath auf der einen Seite einem kleinen Jungen und dem allmächtigen Schöpfer des gesamten Universums auf der anderen Seite gegenübergestellt ist, fängt man an, mehr Mitgefühl für Goliath und seine Lage zu empfinden. Er hat eigentlich keine Chance. Die Geschichte ist tragisch, aber ich habe auch versucht, ein paar lustige Elemente hervorzubringen.
Für weitere Infos zu Tom Gauld und seiner Arbeit: www.tomgauld.com
Das Selbstporträt und die anderen Zeichnungen hat Mr. Gauld uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

