Redaktionsfavoriten: literarische Quickies
Nicht jeder hat viel Zeit zum Lesen oder Lust sich allzu lange mit dem einen Werk zu beschäftigen, bevor er das nächste zur Hand nehmen kann. Richtig dicke Wälzer sind in dem Fall eher ungeeignet. Daher präsentieren wir euch heute unsere liebsten "Literaturquickies" - tolle Bücher unter 120 Seiten.
Tatjana geht zum Frühstücken zu Tiffany
Mit knapp 120 Seiten ein empfehlenswerter Quickie: „Frühstück bei Tiffany“ von Truman Capote. Der benachbarte Schriftsteller führt den Leser in den Alltag der lebhaften Holly Golightly, die sich trotz Mittellosigkeit mit viel Charme und liebenswerter Dreistigkeit durchs New Yorker Leben schlägt. Sollte ihr aufregendes Leben, voller Partys und Verehrer, doch einmal von dem sogenannten „roten Elend“ überschattet werden, flüchtet sie sich in die heile Welt des Juweliers Tiffany, in der sie sich wohl und sicher fühlt. Überhaupt hat das Leben von Holly Golightly nur ein Ziel: sich selbst und den Ort zu finden, an den sie wirklich gehört. Eine simple Sprache und kecke Sprüche der frechen 19-Jährigen verschaffen Lesespaß gepaart mit wachsender Neugier wie das Leben von Holly Golightly weitergehen wird. Mein Vorschlag: Sonntags in die Decke kuscheln und einen Nachmittag bei Tiffany verbringen.
Svea begegnet toten Mädchen
Ihrer Kürze zum Trotz ist Anna Seghers’ Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ für mich ein besonders faszinierendes Werk. Seghers’ wohl persönlichste Abhandlung erwächst aus einer Art Tagtraum: Die sich im brennend-heißen Mexiko befindliche Protagonistin verfällt ihrem Verlangen nach glücklichen Tagen in der deutschen Heimat. Die Konturen ihres neuen Alltags verschwimmen und, einer Fatamorgana gleich, zeichnet sich die Szenerie eines lange zurückliegenden Schulausfluges ab. Alte Klassenkameraden tummeln sich, gemeinsam mit „Netty“, dem jüngeren Ich der Zentralfigur, vor deren Augen. Die Hauptfigur scheint sich zunächst in die harmonischen Bilder zu flüchten. Mit der Zeit aber hält die Gegenwart Einzug. Die Erzählerin erinnert weniger lange zurückliegende Geschehnisse und bindet diese in ihre traumhafte Vision ein. Seghers schildert auf wenigen Seiten erstaunlich viele Geschichten: Zunächst einmal die eigene, vom mexikanischen Exil und dem damit einhergehenden Fernweh. Zusätzlich widmet sie sich den unterschiedlichsten Schicksalen der einst einträchtig spielenden Kindern ihrer Erinnerung. Diese mussten zwei Kriege miterleben und waren gezwungen, Stellung zu beziehen. Während manche dem NS-Regime zum Opfer fielen, entwickelten sich andere zu Tätern und verrieten die Freunde von damals. Die Autorin zeichnet ein emotional tiefgründiges und doch unparteiisches Bild von Krieg und Frieden, das mich ungewohnt tief berührt hat.
Jana bekommt Besuch von einem Gespenst
Gute Bücher unter 100 Seiten fallen mir zuhauf ein. Ich mag kurze, knappe Geschichten, die auf das Wesentliche reduziert sind, weshalb es mir gar nicht so leicht fiel, ein Werk zu wählen. Entschieden habe ich mich letztendlich „Das Gespenst von Canterville“Anja spielt Schach mit Stefan Zweig
Ich kann mich an kein Buch erinnern, dass es geschafft hat auf weniger als 100 Seiten einen so bleibenden Eindruck zu hinterlassen wie die „Schachnovelle“Während der Überfahrt von New York nach Buenos Aires kommt es auf einem Passagierdampfer zu einem Schachduell der besonderen Art. Nachdem der Millionär McConnor den amtierenden Schachweltmeister Mirko Czentovic herausgefordert und gegen ihn verloren hat, verlangt er eine Revanche. Auch diese verläuft nicht gerade gut für ihn, bis ihm ein Fremder hilft ein Remis zu erspielen. Das macht Eindruck und der Mann, der sich als Dr. B. vorstellt, soll nun selbst gegen den Weltmeister antreten. Nach einigem Zögern willigt er ein, stellt aber die Bedingung, dass er nur diese eine Partie spielen würde, aus Angst wieder in dieses „leidenschaftliche Spielfieber" zu geraten. Dem Ich-Erzähler vertraut B. schließlich an, dass der Ursprung dieses manischen Fiebers in einer Gestapo-Zelle in Österreich liegt...
Stefan Zweig gewährt uns in seinem letzten Werk einen tiefen Einblick in die Seele eines gepeinigten und traumatisierten Mannes. Sein Psychogramm ist eindringlich, sehr bewegend und definitiv eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Aus einem literarischen Quickie wurde für mich eine Liebe für's Leben.
