Anjas Lieblingsbuch
Einen Favoriten aus der Vielzahl meiner Lieblingsbücher zu wählen, fiel mir zunächst sehr schwer. Als ich dann so vor meinem Bücherregal stand, fiel mein Blick auf „Sturmhöhe” von Emily Brontë, das einzige Buch in meiner Sammlung, welches ich tatsächlich in fünf verschiedenen Ausgaben habe. Damit war die Antwort klar. Das Buch hat offensichtlich einen so bleibenden Eindruck hinterlassen, dass ich jedes Mal, wenn ich es auf einem Büchertisch oder im Antiquariat sehe (in einer Version, in der ich es noch nicht habe) kaufen muss. Es ist wie mit einem alten Freund, mit dem man eine schöne Zeit gehabt hat: wenn man ihn wieder trifft, ist die Freude groß und all die schönen Erinnerungen sind wieder da.
Ja, man kann sagen, dass ich mein Herz an diesen 164 Jahre alten Schinken verloren habe. Und das obwohl oder gerade weil es sich nicht um eine klassisch romantische Liebesgeschichte a la „Stolz & Vorurteil“ oder „Vom Winde verweht“ handelt. Die Protagonisten sind alles andere als sympathisch oder liebenswert: Heathcliff ist ungestüm, grob und oft einfach nur abgrundtief böse, seine große Liebe Cathy ist launisch bis unerträglich hysterisch. Trotzdem ist man ab der ersten Seite von den beiden fasziniert. Man leidet mit ihnen, denn wie in allen guten Dramen gibt es für sie kein wirkliches Happy End. Sie können nicht mit und nicht ohne einander und sie machen sich gegenseitig und auch den Menschen um sie herum das Leben zur Hölle. Da wird geschrien, geschlagen, gesoffen und gelitten.
Letztlich sind es genau diese menschlichen Abgründe, die mich so beeindruckt haben. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir vorher nie die Frage gestellt, was meine Lieblingsbücher zu meinen Lieblingsbüchern macht. Aber wenn ich gedanklich so durch meine Favoriten streife, dann sind es vielschichtige Charaktere und spannende zwischenmenschliche Konstellation, die mir da begegnen und die mich ansprechen. Zum Beispiel in Roths „Menschlichem Makel“, Kunderas „Unerträglicher Leichtigkeit des Seins“ oder McCullers „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Die einzigartigen Charaktere, die ungewöhnlichen Erzählstruktur, der wortgewaltige Schreibstil, der die stürmische Einöde des nordenglischen Hochmoores lebendig werden lässt, und eine wunderbar düstere Symbolik machen „Sturmhöhe“ zu einem literarischen Meisterwerk und meinem Lieblingsbuch.